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[Notizen zu Freud, Goethe, Kafka und Hegel]

Fragment von Hans-Jürgen-Krahl

nach der Handschrift (im Verlag Neue Kritik)

Editorische Vorbemerkung der Redaktion: Der Hintergrund der Entstehung dieser Notiz ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unbekannt. Sie befindet sich heute mit einer Reihe anderen ähnlichen Notizen und kurzen Texten zu verschiedenen Autoren in einer Mappe im Krahl-Nachlass, der im Verlag Neue Kritik in Frankfurt lagert.


Zu Freud: "eine Kindheitserinnerung aus 'Dichtung und Wahrheit'": Freud analysiert eine Episode, die Goethe aus seiner frühen Kindheit berichtet -- nämlich, daß er im Alter von ungefähr 4 Jahren fast sämtliches zerbrechliches Hausgerät aus dem Fenster auf die Straße geworfen -- als Niederschlag des Konkurrenzneides auf den jüngeren Bruder Hermann Jakob und als Symbol von dessen Beseitigung. Diese Interpretation erhärtet Freud an mehreren in der Tat frappierenden Parallelbeispielen und an der Reaktionen des Kindes Goethe auf den Tod seines jüngeren Bruders Jakob im Alter von 6 Jahren wie sie uns durch Bettina Brentanos Wiedererzählungen des Berichtes der Mutter überliefert ist. Danach hat Goethe über den Tod seines Bruders keine Träne vergossen und auf die Frage der Mutter "ob er den Bruder nicht liebgehabt habe, lief er in seine Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papier, die mit Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren, er sagte ihr, daß er dies alles gemacht habe, um es den Bruder zu lehren." Hitschmann merkt dazu an: "der ältere Bruder hätte also immerhin gern Vater mit dem jüngeren gespielt und ihm seine Überlegenheit gezeigt." [zitiert nach Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Band 12, Frankfurt a. M. 1991, S. 21]

Kafka hat immer in bis zur Kenntlichkeit verstellter juridischer Sphäre immerwieder dargestellt, daß es in den familiären Beziehungen um konkrete und grobe Machtverhältnisse geht: Vater [unleserlich] über den jüngeren Bruder zu Gunsten eines Aufstiegs in der suggerierten und auch tatsächlichen Liebeshierarchie; um des Erfolges also bei der Mutter willen. Psychologisch schlüsselt sich auf, wie die Struktur des Kapitalismus sich selbst noch in den familiären Beziehungen niederschlägt. Liebe wird, von denen die sich benachteiligt fühlen wie den Müttern, die sie verteilen nur quantitativ gemessen -- so wird der Bruder zum Konkurrenten der einem im Profit beschneidet. Erfolg heißt Unterdrückung, ja Beseitigung des anderen, daß einem die profitable Quantität - Liebe also -- nunmehr ungeteilt zukomme. Kafkas Schilderungen, die [Ende S. 29] so verschlüsselt und verfremdet scheinen, sind in Wirklichkeit -- im genuin psychoanalytischen Sinne -- die entschlüsselte Wirklichkeit -- ein Stück radikaler Aufklärung. Wenn er etwa im Urteil den Machtkampf zwischen Vater und Sohn zeigt, so muss man dieses Erlebnis nicht erst wieder deuten -- wie das Goethesche Erlebnis Goethes, sondern es ist gleichsam gedeutet. Der harte Indikativ, die präsentische Sprechweise Kafkas, die [unleserlich] Analogien verwendet, sondern von dem, das nicht erwähnt ist, mit Selbstverständlichkeit und schockierend ohne Einleitung und Vorbereitung behauptet, es sei so, die als brutale Faktizität registriert, was nicht an der Oberfläche liegt, hat ihr Recht. Kafka bricht die Realität auf -- juridisch -- auf ihn verborgenen Motivationsmechanismen, der spätbürgerlichen Epoche gemäß, in die hinein auch die Psychoanalyse gehört (Nietzsche und Freud) entlarvend und kriminalistisch. Jene aber sind realer als die erst zu deutenden Erlebnisse, Träume und Erinnerungen in die [sie] sich transformieren und entstellen. Das Symbol ist immer auch Produkt des Ideologiebedürfnisses. Darum aber erscheint uns das Symbol realer als die Realität; diese erscheint -- die Legion gewordene Kafka Literatur beweist dies zur Genüge -- als das Irreale und Surreale. Die entschlüsselte Realität erscheint den blinden Subjekten als verschlüsselte. Das ist die intime Dialektik Kafkas, aus der die seiner Interpretation und Interpreten folgt, von Adorno treffend festgehalten in dem Satz: jeder Satz Kafkas ruft, Deute mich, doch keiner will es dulden.

Die moderne Kunst legt ab, was über Jahrhunderte ästhetischen Philosophierens ihr Wesen ausmachte -- den Schein. Sie spricht nunmehr unverblümt und verweist auf die brutale, ihrer ideologischen Vernebelung entkleideten Realität (so auch Beckett). In diesem vermeintlichen Positivismus liegt als Negation ihre metaphysische Dignität: der Schein stellt sich endlich ein, als was er [Ende S. 30] auch immer verdächtigt wurde: als Lug und Trug, die unverstellte Realität scheint die verfremdete zu sein nur deshalb, weil die vom Schein verhärtete Alltagserfahrung ideologisch sich verschleiert hat. Kunst gibt ihr Wesen auf um (Erfolg Goethes) es zu retten, vor der ihr Wesen usurpierenden Wirklichkeit. Gerade daß Lukacs vor Kafka versagt, beweist wie wenig sein einseitiger Begriff von Widerspiegelung trifft. Die moderne Kunst verzichtet auf den Schein und rettet ihn gerade damit.

Einer der charakteristischen Fehlschlüsse der Hegelschen Logik: Weil Identität um als Begriff bestimmt werden zu können, das Denken seines Gegenstands erzwingt, weil das Indifferente mit logischer Denknotwendigkeit dem abstrakten Begriff von Differenz erheischt, der Grund als Grund von dem abhängt, das er nicht ist, nämlich seine Negation, dem Begründeten sollen die Negate auch schon wirklich sein. Die Negation des Identischen jedoch ist nicht schon das positive Nichtidentische. Hegel unterschlägt die konkrete Vermittlung die seine historische Dialektik zu leisten sich abmüht; deren ungeheure Anstrengung verflüchtigt sich im Nichts, wenn die Form sich an sich selber als das unbestimmte Identische auf Grund eben der fehlenden Bestimmungen zum Nichtidentischen, der Materie hypostasiert. Die dialektische Arbeit des Begriffs wird durch den nicht als Problem aufgegangenen Widerspruch des Primats der reinen Form, des proton pseudos alles idealistischen Philosophierens, vernichtet. Der reine Begriff allein sei das Wirkliche. Der Begriff aber ist immer Begriff von etwas, das es selber nicht ist. Er identifiziert Nichtidentisches. Dadurch aber wird nicht nur Unbekanntes zu Bekanntem, sondern die einstmals reine Identität von jenem Fremden auch tangiert. Der Begriff vermag sich nicht von dem materialen Implikat, das seine Dignität als Erkenntnis bestimmt, zu lösen.
[Ende Seite 31]

Hegels Gedanke der immanenten Synthesis tangiert in der Tat den der bloßen Analyse, des reinen Apriori. Aber der Begriff in seiner einfachen Allgemeinheit sei schon aus sich selber sein Anderes: dieses Andere aber macht das erkenntnisbereichernde Moment des Synthetischen aus, daß es aber aus dem Begriff und aus nichts anderem als dem Begriff folgte, macht zugleich sein analytisches Moment, die Identität von analytischen und synthetischen Sätzen apriori aus. Hegel verweist damit auf den für die Geltung der Urteile konstitutiven prozessualen also zeitlich auseinandergezogenen und durchwirkten Charakter der Erkenntnis -- sein kritischster Gedanke -- der nicht zu trennen ist von dem der immanenten Kritik, die an der Untrennbarkeit von Form und Materie festhält, ohne diese unterschiedslos in sich zusammenfallen zu lassen. Was den Ansatz zu ihrem dialektischen Verhältnis ausmacht. Doch [die] simultane Synthesis innerhalb der Analyse bei Hegel ist nur Schein -- in der Tat wird die Welt zu einer einzigen Begriffstautologie, der in allem sich widerstandslos anschauenden und alles usurpierenden und absoluten Methode des absoluten Geistes entleert. (Negation der Negation)
[Ende Seite 32]

Quelle: Mappe 15 b (Ästhetik), Verlag Neue Kritik, Frankfurt a.M., S. 29-32
Transkription: Redaktion Krahl-Briefe